Berichtserie: Städtepartnerschaft Teil 3 von 5

Von der Kontaktaufnahme zur Städtepartnerschaft Lorch-Oria

Als 1969 der von der Deutschen Botschaft in Rom vorgetragene und vom Regierungspräsidium Stuttgart und dem Landratsamt Schwäbisch Gmünd übermittelte oritanische Wunsch um eine Partnerschaft mit einer Stadt im Stauferland in Lorch eintraf, konnte sich hier niemand vorstellen, dass 50 Jahre später genau diese Partnerschaft blühen und gedeihen und mit viel Leben und gegenseitigem Austausch erfüllt sein wird. In Oria gebe es ein Kastell Friedrichs II., konnten die Stadtväter seinerzeit lesen, das sich im Besitz des in hohem Ansehen stehenden Conte (Grafen) Carissimo befinde. Jener sei sich der großen Bedeutung der Anlage bewusst, habe dieselbe teilweise für das Publikum geöffnet und sei persönlich wegen einer Städtepartnerschaft an den Botschafter herangetreten. In Lorch rief dieser Wusch zunächst große Skepsis hervor. Nicht nur die sprichwörtliche schwäbische Sparsamkeit warnten vor einer solchen Verbindung, nein, auch die seinerzeit als sehr weit empfundene Entfernung nach Oria, die völlig fremde Sprache und das doch stark vom schwäbischen Habitus abweichende süditalienische Naturell ließen die Stadtväter zögern. Getreu des schon lange zuvor vom Altmeister der württembergischen Landesgeschichte Karl Weller formulierten Dogmas, staufische Geschichte sei württembergische Geschichte und württembergische Geschichte finde nur in Württemberg statt, fragten sich nicht nur die Honoratioren, was die Süditaliener mit "unserem" Friedrich II. beabsichtigten. Auf dem Hintergrund der medialen Berichterstattung über die seinerzeit doch ungewöhnliche internationale Partnerschaftsanbahnung zweier so weit entfernt voneinander gelegenen Kleinstädte und auf Drängen des Schwäbisch Gmünder Landrats Dr. Friedrich Röther gab der Lorcher Gemeinderat Ende Januar 1970 grünes Licht für eine Freundschaft mit Oria. Im Mai des Jahres reiste eine fünfköpfige Lorcher Delegation  mit Bürgermeister Walter Frank und dem Dolmetscher Siegfried Spiller mit der Bahn nach Oria und schloss anlässlich der stattfindenden friderizianischen Ritter- und Reiterspiele erste persönliche Kontakte auf offizieller Ebene mit Sindaco (Bürgermeister) Grassi, Bischof Armando Franko von Oria und Conte Gennaro Martini-Carissimo, dem Vertreter des Fremdenverkehrsvereins "Pro Loco". 

Als Ende April 1971 die sechsköpfige oritanische Delegation mit dem neuen Sindaco Pasquale Sartorio und dem Conte zum Gegenbesuch in Lorch eintraf, wurde sie nicht nur von den Lorcher Stadtvätern, dem Landrat und dem Regierungspräsidenten begrüßt, sondern auch von zahlreichen Lorchern und vielen hier wohnenden italienischen Arbeitern freudig willkommen geheißen. Mit einem reichhaltigen Programm präsentierte man den Gästen Lorch und Umgebung: die hier ansässigen Industriebetriebe Hesser, Binz und Knecht, das Remstal abwärts zum Besuch der Remstalkellerei Beutelsbach mit Weinprobe, das Wäscherschloss, das Göppinger Museum, die Burgruine Staufeneck, den Hohenstaufen, Schwäbisch Gmünd mit Johanneskirche, Münster und Marktplatz, einen katholischen Gottesdienst in Lorch, die Stauferschule, die Stadtkirche, das Kloster und das Heimatmuseum, und doch brach das Eis zwischen den Lorcher und den oritanischen Offiziellen anscheinend erst bei dem nicht programmgemäßen Besuch des Lorcher Rathauses. Am 2. Mai bekräftigte man sich zum Ausklang des Besuches gegenseitig die Partnerschaft einzugehen. Und dieses Versprechen wurde im darauffolgenden Jahr, am 28. Mai 1972, auf dem Campo dei Torneo in Oria anlässlich des "Torneo dei Rioni" vor tausenden Zuschauern eingelöst. Der zu diesem Ereignis extra mit einer Fokker eingeflogene Bürgermeister Walter Kübler und Sindaco Pasquale Sartorio unterzeichneten die Partnerschaftsurkunde, mit welcher sich die Städte eine Vertiefung ihrer Beziehungen und die Förderung des Austauschs zwischen ihren Bürgern im Sinne des europäischen Gedankens versprachen. Anlässlich des oritanischen Gegenbesuchs wurde am 24. Juni 1972 der (alte) Oria-Platz, der sich hinter dem Rathaus ursprünglich bis zur Kirchstraße erstreckte, eingeweiht und eine per Luftpost nach Lorch transportierte Tanne aus Oria eingepflanzt. Im Sommer verbrachten dann erste Lorcher Jugendliche aus dem Progymnasium Ferientage in Oria, im September wurde der Oria-Ausschuss ins Leben gerufen und zu Ende des Monats reisten oritanische Fußballer mit Fans, insgesamt etwa 50 Personen, per Bus zum Fußballspiel und Besuch in Lorch an. Das mitgereiste Oria-Trio brachte mit Gesängen und Melodien süditalienisches Flair in den Festsaal des Evangelischen Gemeindehauses. Die ersten Schritte zur Städtefreundschaft Lorch-Oria waren getan.(Abbildungen: 1. Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde durch die beiden Bürgermeister Kübler und Sartorio in Oria am 28. Mai 1972 (Fotos: StadtAL Gal 2 S 110 Schu 69); 2. Einweihung des (ehemaligen) "Oria-Platzes" hinter dem Rathaus in Lorch und Pflanzen der Oria-Tanne am 24. Juli 1972 und 3. Die "Piazza Lorch" in Oria)

Einweihung des (ehemaligen) "Oria-Platzes" hinter dem Rathaus in Lorch und Pflanzen der Oria-Tanne am 24. Juli 1972
Die "Piazza Lorch" in Oria