Berichtserie: Städtepartnerschaft Teil 4 von 5

Offizielle Aspekte der Städtepartnerschaft

Recht reisefreudig fing sie an, die Partnerschaft zwischen Lorch und dem 1500 km entfernten süditalienischen Städtchen Oria. Regelmäßige gegenseitige Besuche offizieller Delegationen fanden statt, die Fußballmannschaften beider Städte besuchten sich, das Reisebüro Kolb veranstaltete Oria-Reisen, Bürgermeister Kübler machte einen privaten Urlaubsabstecher und auch das oritanische Interesse am nördlichen Partnerstädtchen war da. So lud die oritanische Delegation beim Löwenmarkt 1976 die TSV-Tanzgruppe „Klosterschwalben“ spontan nach Oria ein, nachdem diese sie begeistert hatte. Zum „Torneo dei Rioni“ ging es dann im August nach Oria um an einem deutsch-italienischen Abend Lorcher Tanzkünste vorzustellen. Das Stauferjahr 1977, das zugleich das 875-jährige Klosterjubiläum bzw. den 5-jährigem Partnerschaftsjubel markierte, feierte Lorch im Juni mit einem Festzug unter dem Motto „Barbarossas Hoftag in Mainz 1184“, in dem Oritaner Kaiser Friedrich II, und seine Sarazenen darstellten. Und zum 10-jährigen Partnerschaftsjubiläum, ehrte das Land Baden-Württemberg den Besitzer des „Castello Svevio“ in Oria, Conte Gennaro Martini Carissimo wegen seiner Verdienste um die Partnerschaft mit der Staufermedaille. Die Städte beschlossen die Jugend mehr in ihre Partnerschaft einzubeziehen und die Bevölkerung stärker als bisher über die jeweils andere Stadt zu informieren.

Und trotzdem gab es für die Freundschaft bis Mitte der 1980er Jahre recht viele Ecken und Kanten zu überwinden, die wohl einerseits der großen Distanz zwischen den beiden Städten und andererseits wohl auch den unterschiedlichen Mentalitäten ihrer Bewohner geschuldet waren. Dass das Vorhaben letztlich zum heutigen guten Austausch gebracht werden konnte, ist nicht nur den Bürgermeistern, sondern auch verschiedenen Bürgern der beiden Städte zu verdanken: So dem ehemaligen stellvertretenden Bürgermeister Lothar Frey, der von Anfang an vehement für die Partnerschaft eintrat und eine enge Freundschaft mit Conte Carissimo pflegte, und dem Kreis- und Gemeinderat sowie ehemaligen Landtagsabgeordneten Mario Capezzuto, der durch seine recht bald übernommene Funktion als Dolmetscher in die Oria-Angelegenheiten mit einbezogen worden war und aktuell mit der Planung und Organisation des 50-jährigen Jubiläums betraut ist. Der erste erhielt 1975, der zweite 2002 von der Republik Italien den Titel eines Cavaliere verliehen. Karl-Heinz Wörner vom Doppelquartett des Männergesangvereins, der die ersten persönlichen Kontakte mit Oritanern schloss, und Ulrich Rund, der darüber hinaus über seine Tätigkeit beim Runden Kultur Tisch (RKT) für einen regen kulturellen Austausch mit Oria steht, sind hier ebenso zu nennen, wie der lange verstorbene Bischof von Oria Armando Franko, der „nimmermüde Motor der Partnerschaft“ Cosimo Ferretti und sein Freund Gino Aversa. Wörner und Rund erhielten 2003 zusammen mit Helga Schick für ihren Vater, Alt-Bürgermeister Kübler, die Ehrenbürgerwürde der Stadt Oria. Die Stadt Lorch ihrerseits bekam 1986 für ihre besonderen Verdienste um die Verbreitung des europäischen Gedankens die Ehrenfahne des Europarats.

Sportlicher und schulischer Austausch findet heute öfters statt und es ist fast schon Brauch, dass oritanische Fahnenschwinger und Fanfarenzüge in Lorch zu Gast sind und jährlich zahlreiche Gäste aus Oria über die Löwenmarkttage in Lorch weilen und dass Lorcher, Offizielle wie auch Bürger, nicht nur zu den „Torneo dei Rioni“ nach Oria reisen. Der bisherige Höhepunkt der Partnerschaftsbeziehungen war allerdings der von tausenden begeisterten Zuschauern begleitete Einzug der Bürgerkarawane zum 50-jährigen Bestehen des Landes Baden-Württemberg im Sommer 2002 in das Kloster Lorch mit oritanischen Fahnenträgern und Fanfarenzügen an ihrer Spitze. Die Stadt Lorch hatte im Rahmen des 900-jährigen Klosterjubiläums dieses Fest im alten Stauferkloster unter das Motto "Staufer bewegen Europa - 30 Jahre Partnerschaft und 900 Jahre Kloster Lorch" gestellt. Bei den 30er-Jubel-Feierlichkeiten in Oria war unter den prunkvoll historisch Gewandeten Cavalieri des Festzugs wie schon 1998 der Lorcher Landtagsabgeordnete Mario Capezzuto. Die von der Stadt Lorch gestiftete Siegesfahne für das „Torneo“ mit der Aufschrift "900 Jahre Kloster Lorch und 30 Jahre Städtepartnerschaft" sorgte infolge leichter Unregelmäßigkeiten immerhin für Aufmerksamkeit. Selbstverständlich waren die runden Jubeljahre immer auch ganz besondere Eckpunkte der Beziehung, so 1992, als Bürgermeister Werner Steinacker der Stadt Oria einen Kleinbus für den Transport von Behinderten übergab, oder 2007, als oritanische Laienschauspieler unter der Regie von Dott. Emilio Pinto als Projekt des RKT ihre Passionsspiele um das Leiden und Sterben Jesu an vier Stationen im Kloster Lorch aufführten, was drei Jahre später die oritanische Passionsinszenierung auf dem Münsterplatz im katholischen Schwäbisch Gmünd nach sich zog. Anlässlich der Remstal-Gartenschau gab es am Löwenmarktwochenende 2019, Ende Mai/Anfang Juni, wieder in Lorch oritanische Freilichtspiele zu sehen. Laienschauspieler aus beiden Städten präsentierten mit dem Stück "Oria und Lorch" die Stadtgeschichten von den Römern bis zu Friedrich II. Die Aufführungen fanden auf dem Platz vor dem Bürgerhaus statt, der kurz zuvor mit einem Festakt in Beisein von Maria Lucia Carone, der Bürgermeisterin von Oria vom bisherigen Schulplatz zum Oria-Platz umbenannt worden war. Die guten offiziellen Beziehungen Lorchs zur Partnerstadt, wie sie von Bürgermeister Karl Bühler gepflegt worden waren, werden heuer von Bürgermeisterin Marita Funk fortgeführt, die ihre süditalienische Amtskollegin im vergangenen September im oritanischen Rathaus besuchte.
 

Abbildungen:

Abb. 1: Conte Gennaro Martini Carissimo, Bischof Armando Franko und Lothar Frey 1992 in Oria (Foto: Ulrich Rund)

Abb. 2: Der Lorcher Landtagsabgeordnete Mario Capezzuto mit Tochter Diana 1998 beim oritanischen Festumzug vor dem "Torneo dei Rioni" (Foto: Ulrich Rund).

Abb. 3: Gruppenbild der neuen Ehrenbürger mit oritanischen „Alt“-Bürgern (vlnr, hinten) Ulrich Rund, Karl-Heinz Wörner, Cosimo Ferretti, (vorne) Gino Aversa, Pina Aversa, Helga Schiek (Tochter von Alt-Bürgermeister Walter Kübler), die damalige oritanische Stadträtin Lorenza Conte und Ninetta Ferretti (Foto: Stadt Lorch)

Abb. 4: Passionsspiele der "Gruppo di Promozione Umana di Oria" im Kloster Lorch 2007, die Schauspieler waren bei Gastfamilien untergebracht (Foto: Ulrich Rund)