Berichtserie: Städtepartnerschaft Teil 2 von 5

Oritanische Geschichte und Bräuche

Die oritanische Geschichte reicht etwa 3000 Jahre zurück. Das Salento bzw. der italienische Stiefelabsatz dürfte um 1000 v. Chr. von Illyrien, einer Landschaft im Westen des Balkans, aus besiedelt worden sein. Um 800 v. Chr. gaben die Messapier, das 'Volk zwischen den zwei Meeren', im heutigen oritanischen Gebiet ihre Streusiedlungen auf und bezogen den höchsten Hügel, den sie als strategisch wichtigen Punkt befestigten. Der Kern für das oritanische Stadtviertel Castello war gelegt. Oria wurde eine der messapinischen Hauptstädte. Im zweiten Viertel des 3. Jahrhunderts v. Chr. geriet Oria in die Einflusssphäre des expandierenden Roms und wurde im zweiten Punischen Krieg (218–201 v. Chr.) von Hannibal belagert. 88 v. Chr., ca. 240 Jahre vor Lorch, wurde Oria schließlich Teil der "pax romana" mit eigener Währung. In der Endphase des weströmischen Reiches wurde die Stadt 547 n. Chr. von den Goten erobert, die bald von den Byzantinern vertrieben wurden, die wiederum einem langobardischen Ansturm 568 n. Chr. weichen mussten. Nach der Rückgewinnung des Salento durch die oströmischen Byzantiner wurde Oria 751 Hauptstadt eines Herzogtums. Mit den Byzantinern kamen viele Basilianermönche aus dem Orient, die sich im heutigen Stadtviertel San Basilio niederließen. Für die seit dem 1. Jh. n. Chr. im Ort ansässige jüdische Gemeinde begann nun eine große kulturelle Blütezeit mit bedeutenden Lehrern, Ärzten und Wissenschaftlern, die nach 200 Jahren endete. Ab der Mitte des 15. Jh. wurde den Juden die Rione Giudea (das jüdische Viertel) als Stadtteil zugewiesen. Das Rione Lama, das vierte oritanische Viertel, dürfte um 800 n. Chr. entstanden sein, wobei zahlreiche Funde auf eine frühere messapinische Besiedlungsphase vom 6. bis. zum 4. Jahrhundert v. Chr. hinweisen. Im. 9 und 10. Jh. n. Chr. brandschatzten die Sarazenen mehrfach die Stadt, zahllose Oritaner kamen dabei ums Leben oder wurden in die Sklaverei verschleppt. 1055 eroberten die Normannen den Ort, und bauten die vorhandene Befestigung zur Burg aus, auf deren Fundamente schließlich der Staufer und römisch-deutsche Kaiser Friedrich II. nach Eroberung des Platzes zwischen 1225 und 1233 das "Castello Svevio", die "Schwäbische Burg", errichten ließ. 

Noch heute erinnern die seit 1968 jährlich als Großereignis stattfindenden Torneo dei Rioni an Federico II., den in hohem Ansehen stehenden Staufer, das "Kind aus Apulien" oder auch an das "stupor mundi", das Staunen der Welt. Anlässlich seines Aufenthalts in Oria vor seiner Hochzeit mit Isabella de Brinne, die am 9. November 1225 in Brindisi stattfand, soll er den Oritanern diese Reiterfestspiele gestiftet haben. Mittelalterlich gewandete Mannschaften aus den vier Stadtteilen versuchen sich dabei angefeuert von tausenden Fans in alten Disziplinen wie Schleppen schwerer Schatzkisten, Wettläufe, Einrammen einer Wand oder eines Tors anhand von Fässern, Klettern oder Fahneneinsammeln zu übertrumpfen um den Palio als Siegesfahne zu erringen. Traditionell findet am Tag zuvor ein Festzug mit zahlreichen prunkvoll historisch gewandeten Teilnehmern, Spielleuten, Rittern, Fahnenschwingern und Fanfarenbläsern zur Piazza Manfredi statt, auf der das kaiserliche Paar, dargestellt von italienischen Fernsehstars, die Huldigung des Volks entgegennimmt. 

Auf die Staufer folgten die Anjou, denen ab der Mitte des 15. Jh. die Spanier den Besitz Apuliens streitig machten. 1504 konnte Oria durch den erbitterten Widerstand seiner Bevölkerung und die Hilfe seines Schutzheiligen Barsanofio vor einer spanischen Eroberung gerettet werden. An den Schutzheiligen erinnert heute noch der unweit des Viertels Giudea am 29. August abgehaltene farbenprächtige Jahrmarkt. Letztendlich fiel die Stadt dann doch noch an das aragonische Königshaus, das sie nacheinander an adlige Familien verlieh. Im 19. Jh. verlor die Stadt an Bedeutung, viele Denkmäler verfielen, gleichwohl blieb sie Rückzugsort für Schriftsteller, Künstler und Kulturschaffende. 1861 wurde Oria Teil des frisch geeinten Königreichs Italien. 

Kirchengeschichtlich gesehen, ist Oria ein bedeutender Ort. Seit mindestens 813 war es Bischofssitz, wurde später mit dem Bistum Brindisi vereinigt und 1591 wieder selbstständig. Als sichtbare Zeugen befinden sich die Kathedrale, der Bischofssitz und die Bistumsverwaltung unterhalb der Burg im Stadtteil Castello. Im 13. Jh. war der Ort ein bedeutendes religiöses Zentrum mit zahlreichen Klöstern der Basilianer, der Benediktiner und der Dominikaner. Franz von Assissi gründete 1219 im Rione Lama ein Kloster, von dem noch heute die Nachfolgekirche aus dem Jahr 1774 kündet. Außer den Heiligenfesten, die in der prunkvoll beleuchteten Stadt mit Umzügen und mit Feuerwerk begangen werden, zeugen die seit den 1950er Jahren jährlich zu Beginn der Karwoche abgehaltenen Passionsspiele von der tiefen Religiosität der Oritraner. Seit 1995 dient Orias pittoreske Altstadt als Kulisse für die vier Szenen, in denen etwa 200 Laienschauspieler ca. vier Stunden lang von den Zuschauern von Spielort zu Spielort begleitet werden.

Der festliche Umzug zur Huldigung des Kaisers auf der "Piazza Manfredi" findet 2007 wie jedes Jahr am Vortag des "Torneo dei Rioni" statt
Gelebte Religiosität: Prozessionszug vor der "Porta Manfredi", die auch "Porta Lecce" oder als Einfallstor der Spanier nach der Belagerung Orias "Porta degli Spagnoli" genannt wird
Prozession zum Fest des Heiligen Barsanofio